Wie kommt ein Buch über Nacht in den Buchladen?
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Sie gehen um 17:00 Uhr in Ihre Buchhandlung und bestellen ein Buch. Am nächsten Morgen um 9:00 Uhr können Sie es abholen. Das klingt selbstverständlich — ist es aber nicht. Diese Art der Buchversorgung ist eine Eigenart der deutschsprachigen Bücherwelt. Es gibt sie so nur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol. Kein anderer Buchmarkt der Welt liefert so schnell, so flächendeckend und so zuverlässig an den stationären Buchhandel.
Audioguide in Entstehung
Barsortiment
Das Rückgrat des Systems
Die Buchwirtschaft unterhält für diese Über-Nacht-Versorgung ein eigenes Logistiknetzwerk. Betrieben wird es von drei Barsortimenten — spezialisierte Großhändler, die ausschließlich den Buchhandel beliefern.
Was diese Unternehmen leisten, ist bemerkenswert: Sie haben teilweise über 500.000 verschiedene Titel auf Lager — nicht nur Bücher, sondern auch Kalender, Schreibwaren, Spiele, Hörbücher und andere Artikel, die zum Sortiment einer Buchhandlung gehören.
Jede Buchhandlung hat in der Regel einen festen Barsortiment-Partner. Über diesen Partner läuft die tägliche Versorgung — schnell, planbar und auf die Minute getaktet.
Einkauf
Warum Buchhandlungen nicht nur beim Barsortiment bestellen
Das Barsortiment ist der schnelle Weg — aber nicht der einzige. Buchhandlungen kaufen auch direkt bei Verlagen ein. Wie die Logistik auf Verlagsseite aussieht — von der Druckerei bis ins Lager —, beschreibe ich auf der Seite Distributionslogistik. Der Grund ist wirtschaftlich: Beim Direkteinkauf bekommt der Buchhändler einen höheren Rabatt. Und genau von diesem Rabatt lebt er — denn durch die Buchpreisbindung kann er den Verkaufspreis nicht selbst bestimmen.
Ein cleveres Detail: Die Bücher, die direkt beim Verlag bestellt werden, werden trotzdem über die Logistik des Barsortiments geliefert. Die Barsortimente holen ohnehin jeden Tag Ware in den Verlagen ab. Der Verlag nutzt die bestehende Logistikkette, und der Buchhändler bekommt alles aus einer Hand.
Ablauf
Von der Bestellung bis zur Zustellung
Ein Kunde bestellt um 17:00 Uhr ein Buch. Die Buchhändlerin gibt die Bestellung in ihr Warenwirtschaftssystem ein. Von dort geht sie elektronisch an das Barsortiment.
Über den Tag verteilt sammeln sich die Bestellungen aus hunderten Buchhandlungen. Diese werden nach einem festen Zeitplan kommissioniert — jedes bestellte Buch wird im Lager identifiziert, aus dem Regal geholt und der richtigen Buchhandlung zugeordnet. Bei den großen Barsortimenten ist dieser Prozess hochautomatisiert: Förderbänder, Sortieranlagen, teilweise Robotik.
Abends geht die Ware auf die Straße. Hauptlauf-LKW fahren vom Logistikzentrum zu den Regionalhubs, die über das gesamte deutschsprachige Gebiet verteilt sind. Dort kommen sie zwischen 2:00 und 5:00 Uhr morgens an.
An den Regionalhubs stehen bereits die Zustellfahrzeuge bereit. Sie nehmen die Pakete in Empfang und fahren die Buchhandlungen an.
Vertrauen
Ein Detail, das dieses System einzigartig macht
Die Zusteller haben in der Regel Schlüssel für die Buchhandlungen. Sie öffnen den Laden, stellen die Pakete drinnen ab und schließen wieder zu. Wenn die Buchhändlerin morgens ihren Laden öffnet, steht die Lieferung bereits da. Sie kann die Ware in Ruhe einräumen und ins Regal stellen, bevor der Publikumsverkehr beginnt.
Dass Zusteller nachts eigenständig Buchhandlungen aufschließen — das funktioniert nur auf Basis von Vertrauen zwischen allen Beteiligten. Das ist ein Merkmal, das in dieser Form in kaum einer anderen Branche existiert.
Manche Barsortimente unterhalten für diese Nachtlogistik bis zu 400 Linienverkehre — also 400 feste Routen, die jede Nacht gefahren werden. Flächendeckend in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol.
An Spitzentagen bewegen die Barsortimente hunderttausende Pakete durch dieses System. Jeden Tag, das ganze Jahr über.
Zukunft
Ein System unter Druck
So beeindruckend das System ist — es steht unter Druck. Der Online-Handel verändert die Strukturen. Die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen sinkt, das Bestellverhalten ändert sich, die Margen werden enger. Die Logistik muss mit weniger Sendungsvolumen dieselbe Flächendeckung und Geschwindigkeit liefern.
Gleichzeitig ist genau dieses System der größte Vorteil des stationären Buchhandels: Ein Buch, das heute bestellt und morgen im Laden liegt, macht den Umweg über den Versand an die Haustür in vielen Fällen überflüssig — vorausgesetzt, es gibt noch eine Buchhandlung in der Nähe.